Forkels Palimpseste

Aus Liebhaber*innen Kenner*innen zu machen: Prof. Dr. Andreas Waczkat forscht zu Johann Nikolaus Forkel (1749–1818)

Wie ein Gebäude entsteht, lässt sich zumindest grob skizzieren: Man legt ein Fundament, errichtet die Außenwände, schließt das Gebäude mit einem Dachstuhl und deckt das Dach. Wie aber entsteht ein Wissensgebäude – und insbesondere ein musikwissenschaftliches? Welchem Bauplan folgt man, wenn man der erste ist, der ein solches errichten will?

Diese Frage dürfte sich auch Johann Nikolaus Forkel (1749–1818), erster Göttinger Universitätsmusikdirektor, gestellt haben, bevor er 1777 seine Vorlesungen „über die Theorie der Musik, insofern sie Liebhabern und Kennern nothwendig und nützlich ist“ ankündigte. Als Exerzitienmeister hielt er sie formal im Rahmen der Nebenfächer wie Reiten, Tanzen oder Zeichnen. Zugleich verband Forkel sie mit einem dezidiert akademischen Anspruch: Es sind gewissermaßen die ersten musikwissenschaftlichen Vorlesungen im universitären Kontext.

Woher bezog der praktische Musiker und Komponist Forkel sein theoretisches Wissen, wie ordnete er es an und wie entwickelte er es weiter? Drei Textzeugnisse sind dafür wesentlich: die gedruckte Vorlesungsankündigung – gewissermaßen eine Skizze des Bauplans –, das erhaltene Vorlesungsmanuskript – das errichtete Gebäude – und das ausführliche Vorwort zum ersten Band von Forkels Allgemeiner Geschichte der Musik von 1788, überschrieben als „Versuch einer Metaphysik der Tonkunst“. Dieses übernimmt wesentliche Teile der Vorlesung, entwickelt sie aber zugleich weiter.

Für Texte, die auf älteren Texten aufbauen, sie weiterentwickeln und neu interpretieren, hat Gerard Genette den Begriff „Palimpseste“ geprägt. Forkels Palimpseste können zeigen, wie sich sein musikwissenschaftliches Wissen herausbildete und wo er das Material für sein Wissensgebäude fand. Praktisch geschieht dies durch Textvergleiche, bei denen der Computer hilft. Wörtliche Übernahmen aus Büchern aufzuspüren, die Forkel meist ohne Quellenangabe zitiert, ist relativ einfach. Damit findet man jedoch nur das Baumaterial. Die eigentliche Forschung beginnt mit der Frage, wie Forkel dieses Material auswählt, nutzt und anordnet – also mit der Rekonstruktion seines Bauplans.

Dieser folgt in seinen Grundzügen dem seit der Antike tradierten System der Sieben Freien Künste. Allerdings betrachtet Forkel die Musik nicht wie traditionell als Zahlwissenschaft und Teil des Quadriviums, sondern setzt alle sieben Disziplinen mit ihr in Beziehung. Musik ist zunächst eine mathematisch und physikalisch erfassbare Zahlwissenschaft, zugleich aber eine Wissenschaft mit eigener Grammatik und Rhetorik. Ihren Höhepunkt erreicht sie in der musikalischen Kritik, die ihre eigene Dialektik erfordert.

Aus Liebhaber*innen Kenner*innen zu machen, ist das Ziel von Forkels Vorlesungen, und das meint konkret: Menschen zum eigenständigen kritischen Umgang mit Musik zu befähigen. Darin zeigt sich Forkel als Denker des Aufklärungszeitalters. Und auch wenn sich die Musikwissenschaft in den 250 Jahren seither gewaltig gewandelt und ausgeweitet hat, ist dieses Ziel bis heute aktuell.

Andreas Waczkat

 

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Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Waczkat
Historische Musikwissenschaft
(Dienstort: Universität Göttingen)

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Zuletzt bearbeitet: 07.10.2026

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